Trauerrede – Dr. Monika Nienstedt Westermann
Prof. Dr. Maud Amal Nordstern
Kriegswinter 1943. Hedwig Nienstedt schenkt einem kleinen Mädchen das Leben. Das Kind soll Monika heißen. Hier, im Kreis Paderborn wohnen Mutter und Baby zunächst bei Freunden der Familie. Es gibt Nahrung – und sie bleiben vor Luftangriffen verschont.
1945 kommt Monikas Vater, Heinz Nienstedt, aus dem Krieg zurück. Die Eltern leben mit ihrer kleinen Tochter nun zur Miete im Stadtzentrum von Herne. In direkter Nachbarschaft wohnen auch Monikas warmherzige Großmutter und weitere Verwandte. Gut, dass man in dieser harten Zeit einander beisteht und hilf.
8. Dezember 1943, Paderborn – 4. Juli 2026, Münster
Der Maschinenbau bringt Wohlstand. Die Familie hat ein erstes Auto. Ein Haus wird gebaut. 1953 zieht die neunjährige Monika mit ihrer Familie nach Recklinghausen. Hier, in der Geburtsstadt des Vaters, kommt bald auch Alfred, das dritte Kind der Familie zur Welt. Monikas Eltern arbeiten beide voll für ihr Unternehmen, die Büros liegen im Wohnhaus der Familie. So bleibt die Firma – für die Kinder spürbar – im Familienalltag stets präsent. Ihren drei Kindern sind die Eltern zugewandt. Monikas Bruder sagt: „Es waren liebevolle Eltern, beide haben für uns alles getan!“
Aber: Monika ist unglücklich. Hier, in Recklinghausen, vermisst sie die beste Freundin und das vertraute Umfeld. Auch das Gymnasium beginnt für Monika nicht gut. Ihr Vater will helfen. Er meldet seine Tochter im Mädcheninternat an. Im strengen katholischen Milieu einer Klosterschule der 50er und 60er Jahre durchlebt Monika ihre gesamte Adoleszenz. Sie vertieft sich ins Klavierspiel, hier oben im Dachgeschoss ist Raum – ganz für sie allein. Ihre Familie sieht Monika noch in den Ferien. Manchmal nimmt der Vater sie auf Reisen mit, an die Monika gern zurückdenken wird. Als sie 1964 das Abitur macht, bleibt ihr aus dem Jahrzent im Internat nur eine einzige Freundin.
Monika will Psychologie studieren. Sie zieht in die Universitätsstadt Münster. Das Umfeld dort erlebt die Zwanzigjährige als Befreiung. Im studentischen Milieu wird philosophiert, diskutiert und gemeinsame Zeit zugebracht. Hier, am psychologischen Institut, lernen Monika und Arnim einander kennen und lieben. Er, der seine private Chronologie akribisch führt, notiert für das Jahr 1968 nur ein einziges Wort: „Monika!“
Monika legt ihr Diplom ab, wird wissenschaftliche Hilfskraft und bald darauf für das nächste Jahrzehnt wissenschaftliche Assistentin. Arnim tut es ihr gleich. Betreut von Prof. Dr. Witte arbeiten sie beide jeweils an eigenen Dissertationen zur Eindruckswirkung von Farben.
1973, kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag zieht Monika mit Arnim in die erste gemeinsame Wohnung. Zu dieser Zeit kommt auch Thomas in ihr Leben. Seine große Schwester wendet sich mit dem kleinen Jungen an der Hand an Monika. Sie erbittet Hilfe: Der Sechsjährige ist unversorgt, er fürchtet Schläge des dementen Vaters und die psychisch schwer erkrankte Mutter ist nicht in der Lage, für ein Kind zu sorgen. Wenn Thomas nun also wieder einmal ins Kinderheim muss, könnten sie sich da kümmern? Monika berichtet später lächelnd: „Ja, das haben wir dann gemacht“. 1
Die Bitte der Schwester lag nicht nah. Es ist Jahre her, dass sie von Monika einige Wochen vertretungsweise im Fach Psychologie unterrichtet wurde. Vermutlich hat sie damals schon wahrgenommen, was viele an Monika schätzen. Sie ist aufmerksam und offen, bietet ihre Hilfe freundlich, kompetent und wie selbstverständlich an. Ihr kann man sich anvertrauen. Niemand der Beteiligten ahnt, dass diese Begegnung nicht nur für Thomas zum Wendepunkt wird, sondern auch für das junge Psychologenpaar, das sich in der Folge für wirksamen Schutz und gute Entwicklungsbedingungen ungezählter weiterer Kinder einsetzen und die Pflegekindschaft in Deutschland im Interesse dieser Kinder verändern wird.
Arnim und Monika besuchen Thomas im Kinderheim. Sie lernen seine Eltern kennen. Sie werden ehrenamtlich zu Heimpaten. Ohne jedes Mandat verhindern sie die Rückführung des Jungen zur psychisch kranken Mutter und schützen ihn vor beängstigenden Besuchen.
Drei Jahre lang holen sie Thomas jeden Dienstag pünktlich ab, fahren mit ihm im VW Käfer zu sich nach Hause oder zu Ausflügen in den Zoo oder den Wald, er sammelt Fundstücke. Nienstedt und Westermann verfügen über Fachwissen aus der Kinderpsychologie, geschulte Wahrnehmung und einen hohen Grad an Reflektion. Sie können das Verhalten des Kindes einordnen und sind so vor Enttäuschung geschützt. Ihre Hoffnung in seine Entwicklung bestätigt sich. Thomas beginnt, Gefühle zu zeigen. Er lässt sich auf sie ein, entwickelt den Wunsch nach Eltern. Ein neunjähriges Heimkind aber, das hat keine Chance auf Pflegeeltern, sagt das Jugendamt. Also suchen die beiden im privaten Umfeld. Ulla und Reinhard Kammertöns stellen sich Thomas liebevoll und geduldig als neue Pflege- und später Adoptiveltern zur Verfügung. Er wird sie als Erwachsener seine „wahren Eltern“ nennen.
Im Kinderheim begegneten Monika und Arnim vielen Kindern, die sich nach individuellen Beziehungen sehnen. „Wenn wir da Thomas abholten, dann hatten wir mehrere Kinder manchmal an beiden Händen, die so gern mitgekommen wären“. Das Heim bittet das Paar um die psychologische Begleitung weiterer Kinder. Sie nehmen diese neue, nun berufliche Verantwortung an. Und es eröffnet sich ein Forschungsgebiet. „Wie man ein interessantes Bild anguckt, was man erst mal ergründen muss, mit so einem Blick sind wir immer Kindern begegnet, von Anfang an, wie auch vielen Erwachsenen und Situationen.“
Monika erlangt ihre Promotion. Mit Arnim arbeitet sie weiter am psychologischen Institut. Ihr Forschungsinteresse aber erhält eine neue Richtung. Nun geht es Nienstedt und Westermann um spezifische Sozialisationserfahrungen fremdplatzierter Kinder: Welche Bedingungen ermöglichen diesen Kindern eine Aufarbeitung und Korrektur traumatischer Vorerfahrungen in neuen Beziehungen? Mit dieser für die Praxis und einen gelingenden Kinderschutz überaus entscheidenden Frage stehen Nienstedt und Westermann in der deutschen Forschungslandschaft noch lange Zeit allein.
1982 gründen sie eine psychologische Praxis in Münster. Für die Diagnostik und Therapie stellen sie sich den Kindern gemeinsam, also als Paar zur Verfügung. Im Lauf der Zeit werden es über eintausend Kinder sein, oft schwer traumatisiert, die Monika Nienstedt und Arnim Westermann psychodiagnostisch untersuchen bzw. therapeutisch begleiten. Sie untersuchen auch leibliche Eltern, beraten Pflegefamilien, analysieren Akten, erstellen Gutachten für Jugendämter und Gerichte.
Vor diesem Hintergrund entsteht ihre Theorie der Integration von Kindern in Ersatzfamilien. 1989 erscheint hierzu ihr erstes, viel beachtetes Buch bei Klett Cotta. Noch im selben Jahr heiraten Monika und Arnim im Standesamt. Sie planen sorgfältig ein gemeinsames Haus, das sie nicht nur für ihr eigenes Leben, sondern auch die Kinder einrichten, die zur Diagnostik oder Therapie kommen. Auch Katerchen, der dem Paar zugelaufen ist, zieht mit ein – sorgsam betreut, wenn Monika und Arnim gelegentlich nach Bornholm verreisen. Katerchen wird ihr Leben zwanzig Jahre lang teilen, bis er in Monikas Armen stirbt.
Das Buch von Nienstedt und Westermann erzeugt große Resonanz. Die Einsicht in die innere Welt misshandelter Kinder und ihre psychische Entwicklung werden Ausgangspunkt für neue Konzepte im Pflegekinderwesen und rechtspolitische Impulse. Vielen hilft das Buch durch die gekonnte Verbindung von Theorie und anschaulicher Praxis zu neuen Sichtweisen und Wegen für die eigene Praxis im Heim, im Jugendamt, im Pflegekinderdienst oder Familiengericht.
Doch gibt es auch heftige Abwehr. Die Jugendhilfe der 90er stellt ihren Schutzauftrag in Frage. Ihr Fokus liegt beim Elternrecht. Einige Jugendämter streichen sogar die dauerhafte Vermittlung von Kindern in Pflegefamilien ganz aus dem Konzept. Monika Nienstedt und Arnim Westermann nehmen die Auseinandersetzung an – und sind damit nicht allein.
Die 1992 von der Familie Stiebel gegründete Stiftung zum Wohl des Pflegekindes bringt den Kontakt zu anderen Experten aus Wissenschaft und Praxis. In gemeinsamer Anstrengung, nicht immer frei von Konflikt, den aber Monika in gute Bahnen zu lenken weiß, wird die Stiftung zur fruchtbaren Wirkstätte für den Schutz und die Rechte von Pflegekindern.
Nienstedt und Westermann werden 1993 zum Ziel einer diffamierenden, für ihre berufliche Existenz bedrohlichen Medienkampagne. Wie gut, dass sie einander haben. Wie gut, dass da ein Bruder ist, der mit Medien erfahren ist und hilft. Wie gut, dass eine Stiftung Rückhalt gibt und auf einem Kongress in Münster fachliche Anerkennung und Solidarität sichtbar werden.
Mit dem neuen Jahrtausend gelangen die Realität und Folgen von Kindesmisshandlung und sexuellem Missbrauch vermehrt ins gesellschaftliche Bewusstsein. Die Arbeit von Nienstedt und Westermann fällt endlich auf fruchtbaren Boden. 2007 erscheint ihr Buch neu bearbeitet und findet großen Anklang. Pflege- und Adoptivfamilien nehmen zu ihnen Kontakt auf und berichten, wie gut sich ihre Kinder entwickelt haben. Einige Heime und Pflegekinderdienste orientieren ihr Konzept explizit an den Erkenntnissen von Nienstedt und Westermann.
Ich zitiere stellvertretend aus einem Nachruf des Kinderheims St. Mauritz: „Wir haben Ihre fachliche Einschätzung und Ihr Engagement für die oft traumatisierten Kinder sehr geschätzt. Ihre Haltung hat auch unsere Haltung geprägt und gestärkt. Insofern treten auch wir weiterhin der Leugnung und der Verharmlosung von Vernachlässigung, Verwahrlosung und Misshandlung von Kindern deutlich entgegen. Wir setzen uns in Ihrem Sinne weiter für die Entwicklungsverbesserung der uns anvertrauten Kinder und des Kinderschutzes ein.“ 2,3
Es ist das Jahr 2019. Im großen Hörsaal der medizinischen Fakultät erhalten Nienstedt und Westermann spontan lange, stehenden Applaus für ihr gemeinsames Wirken. Auch Thomas und seine Adoptiveltern sind vor Ort. Mit Hochschullehrenden mehrerer Disziplinen haben sie Studierenden Thomas Geschichte als Fallbeispiel gelingenden Kinderschutzes nah gebracht. Beraten von Monika Nienstedt und unter ihrer Mitwirkung wird daraus in der Folgezeit ein digitales Lehrformat zur Hochschullehre entstehen, das frei abrufbar im Internet steht. Viele hundert Studierende und Fachkräfte haben sich seither in der Lehre und Fortbildungen mit dem Fallbeispiel Thomas und dem Wirken von Nienstedt und Westermann befasst.
Arnim war nur noch vergönnt, die Anfänge dieser Entwicklung zu erleben. Sicher hätte es ihn beruhigt, wie mutig und unverzagt Monika mit ihrem schweren Verlust umzugehen verstand. Es hätte ihn getröstet, dass sein Bruder Rainer, dass Alex und seine ganze eigene Familie in guter Verbindung mit Monika blieben und auch, wie eng und zuverlässig ihr Bruder Heinz-Werner und seine Frau Petra die Beziehung gestalteten. Arnim wäre bestimmt auch Monikas Bruder Alfred und seiner Frau Sigi aus Münster so dankbar gewesen, die Monika viele Jahre im Alltag hilfsbereit und herzlich unterstützt haben. Es hätte ihn beruhigt, dass Arne und Wolfram Schwindt als Freunde und Ärzte bis zuletzt für Monika da waren, als sie ihren schweren Erkrankungen die Stirn bieten musste. Und ganz sicher hätte Arnim gern gesehen, wie sich die Weggefährten, darunter Annette Tenhumberg, Martin Janning, Nicole Strüber und Martina Cappenberg weiter im gemeinsamen Haus einfanden. Wie gerne sie dort die Gesellschaft Monikas, ihre herzliche Bewirtung und ihren hilfreichen Rat annahmen. Wie es für Monika trotz der Trauer doch auch noch Lebensfreude gab, sich Verbindungen vertieften und ihr gesellschaftliches Engagement fortgeführt wurde.
Ganz sicher hätte Arnim das Bundesverdienstkreuz am Bande gefreut, das seine Frau Dr. Monika Nienstedt-Westermann 2024 in ihrer beider Namen entgegennahm. Und erst die Erwachsenadoption von Thomas, die in gutem Einvernehmen mit seinen Adoptiveltern erfolgen konnte. So hat Monika dem Adoptivsohn noch ihrer beider geistigen Nachlass vertrauensvoll in die Hände legen können. Der kleine Junge, von dem sich Nienstedt und Westermann Jahrzehnte zuvor an die Hand nehmen ließen, er bleibt nun als erwachsener Mann aufmerksam, verantwortlich und liebevoll an Monika Seite. Mit ihrer Familie und den Freunden begleitet er Monika durch ihre letzten Lebenswochen. Nun ist er es, der Monika hält, ihre Sterbensangst mit ihr aushält. Thomas und ihr Bruder Heinz-Werner begleiten sie auch in ihrer letzten Stunde – je eine Hand in der je eigenen, von Tränen nass, bis Monikas Leben endet.
Ja, von all dem hätte Arnim wohl gern noch gewusst. Bei all dem wäre er gern an ihrer Seite geblieben. Aber irgendwie, so schien es, war Arnim doch auch nach seinem Tod immer dort, wo auch Monika war. Seine Kappe an der Garderobe, sein Arbeitszimmer, das gesamte Haus erweckten den Anschein, als sei er gerade nur kurz fort gegangen.
Mich begleitet eine Erzählung Monikas, die ich abschließend teilen möchte. Kurze Zeit vor Arnims Tod waren Beide in ihrem Garten. Es war Nacht und die Dunkelheit ließ die Blüten, Blätter und Bäume des Gartens in anderen Farben erscheinen. Im Zwiegespräch über diese Veränderung betrachteten Monika und Arnim ihren Garten. So, wie man ein Bild betrachtet. Ich sehe sie dort stehen. Im Dunkeln. Innig. Hand in Hand.
- Hier verwendete Zitate von Dr. Monika Nienstedt-Westermann https://goto.frankfurt-university.de/fallbeispiel-thomas/heimpaten
- Nienstedt, Monika; Westermann, Arnim: Pflegekinder und ihre Entwicklungschancen nach frühen traumatischen Erfahrungen. Mit einem Vorwort von Arno Gruen. Klett-Cotta: 2007.
- https://st-mauritz.de/nachruf-dr-monika-nienstedt-westermann/